16. November 2015

'Ich seh, ich seh' (2014) Filmkritik

In den letzten zehn Jahren hat sich der europäische Horrorfilm ja wieder etwas berappelt. Besonders Spanien und Frankreich haben es geschafft der Übermacht aus Hollywood einiges an Substanz entgegen zu setzen. Jetzt wird man auch im Norden Europas munter und nach 'Borgman' (Belgien, Niederlande) und 'Feed the light' (Schweden) schicken jetzt unsere Nachbarn aus Österreich 'Ich seh, ich seh' ins rennen. Ulrich Seidl ('Paradise' Trilogie) produziert hier die erste Regiearbeit seiner Ehefrau, Veronika Franz, mit der er normalerweise an seinen eigenen Drehbüchern arbeitet. Wer die bisherigen Filme des Duos verfolgt hat, wird wissen, dass er hier keinen Slasherstreifen erwarten sollte.

Und so kommt es dann auch ... 'Ich seh, ich seh' legt den Schwerpunkt auf den psychischen Strapazen, die die Helden des Films auszustehen haben. Womit wir auch schon bei der Geschichte wären (wie immer LEICHTE SPOILER!). Die Zwillinge Lukas und Elias leben mit ihrer alleinerziehenden Mutter in einem abgelegenen Haus am See. Als die Mutter eines Tages nach Hause kommt, hat sie den kompletten Kopf bandagiert und verhält sich merkwürdig. Für die Zwillinge ist schnell klar: das ist nicht ihre Mutter.

Mama ist die beste

Obwohl sie immer wieder versichert, wirklich die Mutter zu sein, macht ihr bizarres Verhalten den beiden Angst. So richtet sie ihre Aufmerksamkeit ausschließlich Elias widmet und Lukas komplett ignoriert. Das die beiden ein altes Bild finden, auf dem ihre Mutter mit einer Frau mit ähnlichen Körperbau und Gesichtszügen zu sehen ist, verstärkt die böse Ahnung der beiden. Um dem Ganzen auf den Grund zu gehen, überwältigen sie die Frau und fesseln sie ans Bett um ein Geständnis zu provozieren. Als ein paar Spendensammlern des Roten Kreuzes am Haus klingeln, knebeln die beiden die Frau mit Klebeband, was aber fast schief geht, da sie sich davon befreien kann und um Hilfe schreit. Leider zu spät, denn die Rote Kreuz Helfer sind schon wieder weg.

Um diesem Problem vorzubeugen, kleben sie ihr jetzt den Mund mit Sekundenkleber zu, nur um zu merken, das sie so weder essen noch trinken kann. Kinder, richtig? Naja, was macht man in einem solchen fall? Richtig, man schneidet der so gehandikapten Person die Lippen mit einer Schere auf. Was sonst? Irgendwie kann sich Mami dann aber doch befreien, nur um in eine Stolperfalle der Brüder zu laufen und bei dem darauf folgenden Sturz bewusstlos zu werden. 'Kevin allein zu Haus' ist ein Stümper gegen diese Beiden. Weil die gute nun einmal im Wohnzimmer liegt und schwer zu bewegen ist, ist die einzig logische Schlussfolgerung anscheinend die Gute mit Sekundenkleber am Boden festzukleben und nach und nach das Haus in Brand zu setzen, bis sie die Wahrheit sagt. Natürlich.

Unsere Wertung

Ab hier wird die verworrene Geschichte dann nach und nach aufgelöst, nicht ohne die eine oder andere Wendung, die man im Nachhinein durchaus hätte kommen sehen können ('Sixth Sense' lässt grüßen). Bis auf ein paar blutige Szenen setzen die Macher bei 'Ich seh, ich seh' ganz klar auf Atmosphäre und die psychologische Seite des Horrors. Dies war bei der bisherigen Schaffensgeschichte von Franz und Seidl so wohl auch zu erwarten. Lukas und Elias Schwarz, die die beiden Zwillingsbrüder spielen, liefern durchaus akzeptable Leistungen ab und stechen positiv aus dem sonst üblichen, übertriebenen Darbietungen sonstiger Kinderdarsteller heraus. Als Mutter kann Susanne Wuest auf ganzer Linie überzeugen. Wer auf langsamen Psychohorror steht, sollte ruhig einen Blick riskieren. Die DVD und Blu-Ray sind ab sofort bei amazon.de verfügbar.



Ich seh, ich seh (2014)
Kritik von Frank Voigts am 15. November 2015
Kompetenter Psyhohorror
3 Star Rating

Die Blu-Ray für diese Kritik wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt.